Bewegliche Stille - Gestaltete Zeit       

Michael Hischer konstruiert kinetische Objekte für den Außen- und Innenraum. Sein Material ist Edelstahl und Aluminium, oft mit Industrielacken überzogen. Das Prinzip ist schnell erfaßt: An ein oder zwei senkrechten Stützen sind in Industriekugellagern Flügel montiert, die sich bei Berührung oder bei Wind bewegen. Alles ist feinstens ausbalanciert. Nichts ist berechnet, denn diese Kunst kann nur empirisch ausgeklügelt werden.

Die kleinen Arbeiten bestehen meistens - ausgehend vom menschlichen Körper - aus zwei Senkrechten und zwei Auslegern, so wie "Beinen" und "Armen". In vielfältig variierter Schrittstellung nehmen sie eine graziöse, manchmal humorvolle Haltung ein, um nach einem Impuls in sanftem Kreisen den Raum zu erobern. Ihre klare Farbigkeit hilft ihnen, sich gegen die Umgebung zu behaupten. Bei den großen, sturmerprobten Arbeiten in der Landschaft gibt es nur ein Standbein, und die Idee ist anders: An einem beweglichen Arm dreht sich ein weiterer, und das Ganze kreist sowohl horizontal als auch vertikal.

Skulpturen sind dreidimensional, man kann sie umschreiten, hier aber kommt eine weitere Dimension hinzu: die Bewegung. Neu ist das Gestaltungsprinzip Veränderung und damit die ständige Verschiebung der Teile. Es entsteht eine Vielfalt von neuen optischen Volumen, und es ist nicht auszumachen, was der schöpferische Ausgang war und ob es ein gültiges Endstadium gibt. Allerdings haben alle Objekte eine bewußt gestaltete Ruheposition. Bewegung aber ist Zeitablauf. Die neue, die vierte Dimesion heißt "Zeit". So spielt Michael Hischer mit den Phänomenen Zeitraum (= Raum für Bewegung), Zeitstrom (= Strom des Geschehens) und Rhythmus: der ewigen Entwicklung von Stillstand zu Aktion mit den vielfältigsten Erscheinungen wie Trägheit, Spannung, Steigerung, Abfall, Wiederkehr.

Deutlich kalkuliert er auch mit dem Warten auf das Ereignis, der Geduld und der Hoffnung des Betrachters.  Alles ist unvorhersehbar. Es geht um unberechenbare Variation. Präzise gesagt: Es dreht sich immer um dasselbe - es dreht sich um das Leben. Variation wie Wandel und Vielfalt ist der Prozeß des organischen Lebens. Und danach verlangen wir lebenslang: nach dem Leben.

Mit den Skulpturen von Michael Hischer ist das Kunstwerk als Vorgang angestrebt - ein künstlich-kunstvolles, "greifbares" Geschehen. Das Spielerische und der experimentelle Charakter bleiben erhalten. Hischers Objekte sind der Versuch, die traditionelle Statik des Werkes der bildenden Kunst zu überwinden. In ihrer Schlichtheit sind sie nur das, was es braucht - und ein bißchen mehr. Sie fordern heraus: zum Nachdenken und zum Anfassen.

Die Skulpturen handeln vom Zeitlauf:

Es geht um

- den Strom des Geschehens  

- das Vergehen von Gegenwart  

- die Spuren der Vergangenheit  

- die erfüllte und die leere Zeit  

- die Unberechenbarkeit der Ereignisse  

- die erwartete Zukunft.

Dr. Maren Holst-Jürgensen

Michael Hischer

1955 geboren in Pinneberg bei Hamburg

Studium der Bildhauerei in Hannover und Berlin

bei Dietrich Klakow und Rolf Szymanski

1988 Meisterschüler

Kunstpreis der Stadt Langenhagen

Stipendium "Werkstatt Schloss" in Wolfsburg

Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft Berlin

lebt und arbeitet in der Nähe von Berlin                   www.michaelhischer.de

links:     WV 131, 2005, Stahl/Messing, max. h = 94 cm , max. b = 86 cm

rechts:  WV 161, 2001, Stahl/Messing, max. h = 77 cm, max. b = 50 cm

Oetjendorf  (Galerie Jürgensen) mit Objekt von Michael Hischer

WV 271, 2007, Aluminium geschliffen, max. h = 420 cm, d = 240 cm

www.galerie-juergensen.de

Künstler_Inhalt